Aus der Amazon.de-Redaktion
Das im Vorfeld seiner Erinnerungen Beim Häuten der Zwiebel bekannt gewordene Bekenntnis des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Günter Grass, im Alter von 17 Jahren kurz bei der Waffen-SS gewesen zu sein, hat im Blätterwald der Feuilletons viel Staub aufgewirbelt. Vor allem die späte Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit machte den Kritikern offenbar zu schaffen. Jetzt, sagte Grass, sei die Zeit einfach reif dafür gewesen, dieses lang verdrängte Trauma niederzuschreiben. Wer Beim Häuten der Zwiebel aufmerksam liest, kann die Gründe hierfür -- und damit Grass -- besser verstehen.Die Passage von der Zeit bei der Waffen-SS ist nur ein Bruchteil des fast 500 Seiten dicken Buchs. Es schildert die Kindheit und Jugend des Schriftstellers bis zum Erscheinungsjahr seines hoch gelobten und längst zum Klassiker avancierten Debütromans Die Blechtrommel. Es geht um die Liebe zu seiner Mutter, die den Wunsch, Künstler zu werden, unterstützte, seine Verwirklichung durch ihren frühen Krebstod aber nicht mehr erlebte,. Es geht um Hitlers Überfall auf Polen, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs und das Ende von Grass’ Kindheit bedeutete. Es geht um die Zeit als ideologiegläubiger Hitlerjunge, Luftwaffenhelfer und Kriegsgefangener. Und es geht nicht zuletzt um die Pariser Jahre, in denen die Blechtrommel entstand. Vor allem aber geht es auch darum, „was alles geschehen musste, um diese Sperre vor der Sprache abzubauen, bis es dann zu den Wortkaskaden der ‚Blechtrommel’ kommt“. Dass dies auf verschiednen Zeit- und Reflexionsebenen und mit Hilfe einer überaus eigenwilligen Sprache geschieht, versteht sich bei Grass von selbst.
Grass liebt poetologische Metaphern. In der Novelle Katz und Maus war es die Katze, die mit ihren Streifzügen den „lauernden“, jederzeit die Richtung wechselnden Geschichtsverlauf symbolisch fasste. Bei Im Krebsgang diente der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses als Bild für den vorsichtig abwägenden Erzählfluss. Beim Häuten der Zwiebel nun hat Grass diese Vorsicht ein Stück weit aufgegeben. Denn seine Erinnerungen sind ein ehrliches, offenes Buch, bei dem sich sogar ein Teil der Figurenwelt wie Oskar Matzerath aus der Blechtrommel selbstständig macht und Dichtung und Wahrheit ein ums andere Mal ineinander fließen. Auch wenn Grass, sprachverspielt wie er nun einmal ist, seine Biografie nicht gänzlich entblößt, sondern im permanenten Oszillieren mit der Fiktion selbst die Erinnerung wieder ein wenig als Phantasie entlarvt, bietet Beim Häuten der Zwiebel auf literarisch hohem Niveau vielfach Gelegenheit, sich mit dem Werden eines großen Autors auseinander zu setzen. Und beim langsamen Entblättern der Gedächtnisschichten wird einem plötzlich klar, wie viel Autobiografisches sich im literarischen Werk verbirgt. --Thomas Köster
Kundenrezensionen zu 'Beim Häuten der Zwiebel'
Die Zwiebel, ein Gemüse abseits des Massengeschmacks (10. September 2008)
Diese Autobiographie ist wie so viele andere (insbesondere Auto-) Biografien zum Teilen Rechtfertigung, Prallerei und Anekdote. Mit diesem Vorwissen gewappnet kann man sich Grasses unbändigem Sexumtrieb und seiner hängenden Unterlippe stellen.Für wen ist dieses Buch interessant? Vor allem für Grass-Fans und Menschen die einen verschwommenen Blick auf das Leben des Autoren, Dichters, Kochs und pubertierenden SS-"Mannes" Grass werfen möchte. Viele Erlebnisse sind wie die papierdünne "braune" Haut einer Zwiebel bereits abgeplatzt und verloren. Insbesondere sind die Fakten der Kriegswirren kaum auf oder nachspürbar. Man fragt sich, wie man selbst gehandelt hätte, fragt sich ob der gut Mensch Grass nicht vielleicht das Eierklauen, das Plündern besetzter Wohnungen, Keller, Hinterhöfe vergessen hat. Ob die Rückzugsgefechte ohne einen Schuss aus seiner Maschinenpistole zu Ende gegangen sind. Zumindest an die Zeit als Arbeitsdienstler und Prisoner of War (POW) kann er sich besser erinnern.
Naja, vieles auch peinliche Details greift Grass aus seiner Jugend auf.
Immer wieder schwenkt dabei auf das heute zurück und versucht sich selbst damals zu erkennen und sich so eine Meinung, ja ein Urteil fällen zu können.
Der Titel beim Häuten der Zwiebel ist sehr passend gewählt, denn wie nichts anderes treibt das melacholische Wühlen im eigenen Leben, das Resümieren verpasster Gelegenheiten, verlieren von Liebschaften, Freunden und Verwandten, zumindest dem Autor selber beständig Tränen in die Augen.
Für Grass selber ist dieses Buch sicher eines seiner wichtigsten Werke, ob es aber für den Grass-Neuling oder den Leser brownscher Trivialliteratur von Interesse ist, das bezweifele ich. Wie Eingangs gesagt muss der Leser Interesse an Autobiographien mitbringen und das ein oder andere Werk des letzte öffentlichen Pfeiferauchers bereits genossen haben.
Ich kann und will mich nicht den Klagen über die Ausdrucksweise oder das Sprachgefühl von Hrn. Grass anschließen. Ich finde den besonderen, etwas altbackenen Stil z.B. wie er in dem Grass-Roman "Im Krebsgang" besondere Ausprägung fand, sehr genehm. Viele Grass-typische Stilelemente finden auch "Beim Häuten der Zwiebel" mein Gefallen.
Literatur im Grass-Stil (19. August 2008)
Günter Grass ist unbestritten einer der bedeutensten deutschen Autoren. Er tritt häufig als Kommentator des aktuellen Tagesgeschehens in Erscheinung, gilt als intellektuelle und moralische Instanz und engagierte sich für Wahlkämpfe der SPD. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Seine 2006 erschienene Autobiographie mit dem wunderbaren Titel "Beim Häuten der Zwiebel" löste eine alsbald ausufernde Debatte in den Medien aus. Die Biographie, die auf satten 479 Seiten zwanzig Jahre Grassschen Lebens zum Inhalt hat, zeigt deutlich, wie sehr diese Zeit in die Romane des Autors eingeflossen ist. Kundige Grass-Leser werden einige interessante Parallelen zwischen dem Leben und den Romanen des Autors entdecken, zumal Grass diese Parellelen selbst zieht und beschreibt, wie er Ereignisse und vor allem Personen in seinen Büchern verarbeitet hat. An diesen Stellen im Text ist es gut, die Romane zu kennen. Kennt man sie nicht, steht man ein wenig verloren im beschriebenen Gedränge von Realität und Fiktion.Den Leser erwartet natürlich Literatur im Grass-Stil: teilweise überaus detailreich, verklausulierte Sätze, metaphern- und symbolreiche, rhythmische Sprache. Neben der Zwiebel greift Grass auch immer wieder einen Bernstein mitsamt eingeschlossenem Insekt auf. Während die Zwiebel nach und nach gehäutet wird, auf diese Weise nach und nach Erinnerungen freigibt, existiert im Bernstein gleichsam offensichtlich und doch nicht zu ergreifen das Insekt, ergo die Vergangenheit. Überhaupt sind Erinnern und Gedächtnis zentrale Themen im Buch und immer wieder stellt Grass die Frage, inwieweit man seinen Erinnerungen trauen kann, ob etwas wahr oder Fiktion ist, wer der junge Mann ist, über den er schreibt. So flüchtet er oft in die dritte Person; ist also zugleich Beobachter seiner selbst. Durch diese Entfremdung und das Einnehmen einer Kameraperspektive verliert das Buch an Glaubwürdigkeit und Authentizität. Gefühle von Reue oder Schuld, die sein Wirken in der NS-Zeit betreffen, nimmt man ihm nicht ab, auch wenn er sie formuliert. Dafür sind sie zu weit entfernt von dem Grass, der über sich schreibt. Emotionalität geht unter dieser steten Analyse vollständig verloren. Das Bild, das Grass hier von sich zeichnet, ist das eines Kopfmenschen. Menschen und Ereignisse, egal wie nah oder fern von ihm, werden beobachtet, werden beschrieben, werden analysiert. Die Art und Weise, wie Grass mit seiner Vergangenheit umgeht, wie er sich und ebenjene Vergangenheit dem Leser präsentiert, wirkt auf Dauer einfach zu selbstverliebt, als dass sie den Leser auf seine Seite ziehen könnte. Schon die ständige Wiederholung des Zwiebel- und Bernsteinmotivs stößt unangenehm auf. Die Erkenntnis, dass Erinnerungen trügerisch sein können, ist eine triviale. Der Vorsatz, sich ihrer beim Schreiben bewusst zu sein, durchaus löblich, wenngleich man das von einem Günter Grass erwartet. Vom übertriebenen Gebrauch der Symbole und der redundanten Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerung bleibt nichts als ein schaler Geschmack zurück und der Gedanke: Da hört sich einer gerne reden.
Lesenswert (18. Juli 2008)
Ich bin sehr beeindruckt von diesem autobiografischen Buch.Das Buch besticht durch seine Ehrlichkeit und natürlich von Grass' Erzählkunst.Ich hoffe, Günter Grass schreibt noch viele solch gute Bücher.
Mein Urteil: Absolut empfehlenswert!!
Großartiger Grass (25. Juni 2008)
Meiner Meinung nach ist es ein wirklich spannendes Buch, welches fesselt und ganz leicht in einem Rutsch zu lesen ist. Kurzweilig und ehrlich, herrlich menschlich und liebenswert, was will man denn mehr?Muß man mögen (11. Juni 2008)
Ob man mit dieser - wieder mal: typisch graß'schen - Mischung aus Geschichtsabriß, Autobiographie und Anekdoten etwas anfangen kann, wenn man kein Anhänger seines Stils ist, kann ich nicht beurteilen, denn ich bin ja einer.Dafür aber ist mir dieses Buch, um das, wie andere Rezensenten zurecht feststellten, ein "Buhei" veranstaltet wurde, ein wirklicher Gaumenschmaus gewesen: "Bittscheen, die Herrschaften", läßt er ausschweifend und in geliebter Breite einen "Meisterkoch" stundenlange theoretische Nachkriegskochkurse über virtuell zerlegte Schweine halten oder "vorsorgliche Scheißer" ihr Glasauge zum Bewachen ihres Mittagessens verwenden. Wie von einem als Autobiographie verkündeten Werk und vor allem von GG zu erwarten, defilieren deutsche Jahrzehnte aus einer inzwischen vertraut eigentümlichen Perspektive und neben ebensovielen unwichtigen wie bedeutsamen Aspekten erfährt der interessierte Leser so manchen Zusammenhang zwischen dem fiktiven, blechzertrommelnden Oskar und dem realen, seinen Schnauzbart einer Progenie zuschreibenden Günter.
Geärgert und gleichwohl amüsiert habe ich mich über das erschreckend ehrliche Bekenntnis des Autors: Nein, nicht das für meine Begriffe berechnet ausgeschlachtete SS-"Geständnis", sondern das Eingestehen fehlender Lust, die Jahre nach der Blechtrommel bis heute zu Papier zu bringen.

