Und Nietzsche weinte

Verkaufsrang: 1822 (Bücher)
Autor: Irvin D. Yalom
Taschenbuch
EAN: 9783442737284
ISBN: 3442737281
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Seitenzahl: 448
Erscheinungsdatum: 18. September 2008
Verlag: btb TB
von: Uda Strätling (Übersetzer)
Preis: EUR 9,00

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Kundenrezensionen zu 'Und Nietzsche weinte'

Genial, aber liebeskrank (2. Dezember 2008)

Der bekannte Arzt Josef Breuer wird von der exaltierten jungen Russin Lou Salome bedrängt, ihren Bekannten, Friedrich Nietzsche, von dessen Verzweiflung und Besessenheit von ihr zu heilen. Mit Nietzsche und einem anderen Freund habe sie eine platonische Dreiecksbeziehung geführt, ehe Nietzsche sie verteufelt, da sie ihn zurückgewiesen habe. Breuer willigt schließlich ein, und Salome bringt Nietzsches Freunde dazu, ihn zur Behandlung zu überreden. Nach Rücksprache mit Sigmund Freud versucht Breuer, bisher nur Arzt für den Körper, in endlosen Gesprächen an Nietzsches Psyche heranzukommen. Doch Nietzsche gelingt es immer wieder, auf philosophische Metaebenen zu entkommen. Breuer hat schließlich die Idee, die Rollen zu tauschen: Er erzählt Nietzsche von einer eigenen Obsession für eine Frau, die Salome ähnelt; die Sache entwickelt eine brisante Eigendynamik.

Die 443 Seiten bestehen überwiegend aus den Behandlungssitzungen, dazu gibt es Nietzsches Tagebuchauszüge und u.a. seine Briefe an Salome. Das Buch ist hübsch geschrieben, die Darstellung der eigenartigen Patient-Therapeut-Beziehung mit dem hochintelligenten Nietzsche gelungen: der Mann, dessen Ringen um Wahrheiten seiner persönlichen Heilung im Wege steht. Dazu gibt es immer wieder schön eingefügte Zitate aus "Menschliches, allzu menschliches". Dass der Roman eigentlich nicht funktioniert, weil ein Mensch, der angeblich so verzweifelt ist, dass er nicht mehr arbeiten kann, schwerlich so eloquent sprechen würde, verzeiht man, so schön ist "Und Nietzsche weinte" erzählt. Die Geschichte enthält viel Authentisches, außer dass Nietzsche und Breuer sich nie begegneten. Am Ende ein raffinierter Plot mit allerdings kitschigem Schluss; für mich hätten es auch 250 Seiten davon getan.

GENIAL!!! (20. November 2008)

Ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Buch aber ich liebe es schon jetzt und weiß, dass ich am Ende gleich wieder vorne anfangen werde.
Yalom versteht es tatsächlich die stattfindenden Gespräche und die sich daraus ergebenden Wendungen wie einen Krimi zu beschreiben. Wie eigentlich sonst nur bei Krimis, passiert es mir, dass ich beim Lesen immer wieder Blicke ans Ende der Seite werfe, weil ich wissen will, was passiert. Absolut Genial!

Genial - ein Bildungsroman vom Allerfeinsten! (20. August 2008)

Wer etwas über Psychchotherapie (zumindest eine, die nicht nur möglich rasch Symptome beseitigen und die Anpassung an die sogenannte Normalität herbeiführen will), die Bedeutung von Symptomen, Obsessionen, Krisen und über Grundfragen der Existenz (also philosophische Fragen) lesen und sich zum Nachdenken inspirieren lassen möchte, ohne sich durch den sperrigen Fachjargon entsprechend trockener Fachpublikationen durchkämpfen zu wollen, dem oder der sei wärmstens dieses Buch empfohlen.
Yalom ist das Kunststück gelungen, dies alles und noch mehr in ein gut lesbares, dabei aber durchaus tiefgründiges und bereicherndes Buch zu verpacken. Und wenn sich auch einer der Rezensenten (ein Nietzsche-Spezialist) darüber beklagt, dass Yalom der Philosophie seines Idols nicht gerecht geworden sei, glaube ich dennoch, dass dieses Buch auch für Fachleute wertvolle Denkanstösse enthält - z. B. für Psychotherapeuten die spannende Frage der Gegenseitigkeit mit und der Offenheit gegenüber ihren Patienten (im Buch ist ja im Grunde nicht klar wer wen therapiert!). Bis jetzt hat es meines Wissens nach ja nur der in Ungnade gefallene Freud-Schüler Ferenczi gewagt, sich selbst auch von seinen Patienten analysieren zu lassen.
Alles in Allem: Hochverdient 5 Sterne, kreativ, tiefgründig, anregend, berührend und (bis auf ein paar Längen) auch spannend - bei entsprechender Interessenslage unbedingt lesen!

Werde der Du bist (31. Juli 2007)

Wenn am Ende der Begegnung beide gestärkt von einander gehen, der Arzt und der Philosoph, dann war eben das das Heilsame: die Begegnung selbst. Nicht irgendeine Begegnung, sondern eine die durch Offenheit, Akzeptanz und Empathie getragen ist, eine "therapeutische" Begegnung im idealen Sinn des Wortes. Ausgangspunkt sind Haltungen, die eine Begegnung eher verunmöglichen: Belehren-Wollen, verkörpert im Philosophen und Helfen-Wollen, verkörpert im Arzt. Jeder ist so zunächst des anderen Schatten. Nietzsche ist Breuers Schatten, symbolisiert die narzisstischen Seiten hinter dem Helfen-Wollen. Breuer ist Nietzsches Schatten, verkörpert die sozialen und emotionalen Sehnsüchte hinter dem Belehren-Wollen.

Im Gewand des historischen Romanes kann Yalom einige therapeutische Tabu-Themen ansprechen: Die sexuelle Faszination Breuers durch Bertha Pappenheim, die narzisstische Lust an der Konfrontation mit Nietzsche, die Sehnsucht nach der Bewunderung durch den "Schüler" Freud, die heikle Frage der "Selbstoffenbarung" des Therapeuten. Und schließlich die Freude am "byzantischen Spiel" der Intrigen und Doppelintrigen, wie es an einer Stelle des Romans heisst. Und er kann das Verdrängte der Philosophie freilegen: die Wirkungslosigkeit einer jeden bloss abstrakt vermittelten "Lebenskunst", wirkungslos auch für den Philosophen selbst, wie Yalom an Nietzsches Symptomatologie zeigt.

Das philosophische "Erkenne Dich selbst" oder "Werde, der Du bist" kann nur gelingen in der mitmenschlichen Begegnung, kann sich nur vollziehen im emotionalen Austausch. Das ist Yaloms Thema, das er in all seinen Büchern variiert. Im Nietzsche Buch wird vielleicht deutlicher als in den anderen, dass umgekehrt der emotionale Austausch nur dann zu einer Reifung der Persönlichkeit führt, wenn er eben auch von diesem "Erkenne Dich selbst" getragen ist.

Dadurch unterscheidet sich Yalom wohltuend von jenen Therapeuten, deren Behandlungsziel nicht mehr im "Werde der Du bist", sondern in der Anpassung an soziale Konventionen liegt. In Yaloms Buch kann Nietzsche jedenfalls nach seiner Kur fortgehen, um seinen Zarathustra zu schreiben. Und ist nicht ein braver Philologie-Professor mit Eigenheim, Frau, Kind und Hund geworden. Obwohl er beim Gedanken an so ein Heim heftig weinen musste. Ob aus Trauer oder Freude, bleibt Yaloms Geheimnis.

Philosophisch verbrämtes Rührstück (10. Mai 2007)

Zwar weiß Yaloms Buch über weite Strecken durch intelligente Dialoge zu faszinieren, doch versagt es leider nachhaltig an der entscheidenden Stelle. Denn die finale Auflösung der ähnlich gearteten ,Fixierung' unter der sowohl Breuer als auch Nietzsche leiden, wirkt billig und abgedroschen. Gerade die Traumszene gegen Ende des Buches, die dann zu Breuers Besinnung führt, wirkt in ihrer Aussagekraft und angeblichen Bedeutungsschwere völlig überzogen. Zudem ist die Darstellung von Nietzsche an manchen Stellen ebenfalls arg lachhaft und dem Thema des Buches untergeordnet. Als ein solchermaßen gearteter Charakter könnte diese Nietzsche-Figur auch als Sonderling in einer Daily-Soap mit hohem Tränendrüsen-Fallout mitspielen. Natürlich handelt es sich um einen fiktiven Roman, aber wer die Biographie Nietzsches etwas besser kennt, den mag die erzählerische Freiheit, die sich Yalom nimmt, abschrecken.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Vor allem das plumpe Ende und die propagierte Kerneinsicht, die uns Yalom schmackhaft machen möchte - eine einfältige Binsenweisheit - ruinieren ein grundsätzlich gut zu lesendes, mitunter unterhaltsames und leidlich spannendes Buch. Letztendlich weint nicht nur Nietzsche sondern auch der Leser. Aus Frust über die Zeitvergeudung.

dkb.de

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