Aus der Amazon.de-Redaktion
Ob das Wesen des Menschen von Natur auf Konflikt und Kampf oder aber auf mitmenschliche Kooperation angelegt ist, ist bis heute umstritten. Als Realist jedenfalls gilt gemeinhin derjenige, der die Auffassung vertritt, dass Kooperation eine Verhaltensweise ist, die lediglich auf der den Menschen als Verstandeswesen auszeichnenden Einsicht beruht, dass man den ansonsten natürlichen Zustand des Kampfes aller gegen aller zum Wohle eines jeden Einzelnen und damit zugleich der Gemeinschaft überwinden und die in jedem Fall aber notwendige Konkurrenz zumindest regeln müsse. Das hört sich zwar einigermaßen vernünftig an, neuere Ergebnisse der neurobiologischen Forschung, über die Joachim Bauer in seinem Buch Prinzip Menschlichkeit berichtet, geben aber Grund zu der Annahme, dass die dieser Auffassung zugrunde liegenden Prämissen einer erneuten Prüfung unterzogen werden müssen.Gemäß der heute (noch) vorherrschenden Meinung gilt Konkurrenz als "der biologische Antrieb des Lebens – auch des menschlichen": Da sich diese Auffassung "nahtlos zum 'Kampf ums Überleben' fügte, den Charles Darwin zur Grundregel der Natur erklärt hatte, schien für viele die Frage nach der Natur des Menschen geklärt", bringt Joachim Bauer zutreffend die Ursache für den von der Soziobiologie verordneten Diskussionsstillstand auf den Punkt. Unter Neurobiologen beginnt sich nun aber, wie der Autor ausführlich darlegt, die Erkenntnis durchzusetzen, dass das ursprüngliche Leitmotiv menschlichen Handelns eben nicht Konkurrenz ist, sondern ganz im Gegenteil Kooperation – in der Terminologie Joachim Bauers: das Prinzip Menschlichkeit: "Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben." Das Konkurrenzmotiv wäre demnach eben nicht Ausdruck der primären Natur des Menschen, sondern im Gegenteil das Ergebnis einer Störung derselben!
Eine sehr aufschlussreiche Lektüre, die Anlass gibt, viele längst für erledigt geglaubte Fragen neu zu diskutieren. In den Natur- wie den Sozialwissenschaften gleichermaßen. -- Andreas Vierecke
Kundenrezensionen zu 'Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren'
großes Unverständnis des Autors (27. November 2008)
Die vielen positiven Rezensionen machten mich neugierig auf dieses Buch...aber nun denke ich mir, ich hätte wohl mal eher die negativen Rezensionen lesen sollen. Schon in den einleitenden Worten rechtfertig der Autor sein "Werk" mit dem angeblichen Resumee "der stärkere gewinnt" aus Darwins herausragenden Werk in dem es eigentlich um "survival of the fittest" geht und nicht wie der Autor suggerieren möchte um "survival of the strongest" ..hier bekommt man schond en Eindruck, dass sich der Autor nicht sehr mit darwin besachäftigt haben kann. Nun gut, einen polemischen Ausrutscher mag man dann wohl gewähren lassen, aber als und wie er dann noch von egoistischen genen (Dawkins,Blackmore) spricht, merkt man dass er sich auch damit nicht hinreichend befasst hat...alles in allem ein schwaches Werk ohne Neuigkeiten und fehlender Legitimation.Eine Befreiung von Vorurteilen und Mißverständnissen (18. Oktober 2008)
Dieses Buch wird einigen wehtun, die sich an altbekannte, lieb gewordene Legenden gewöhnt haben, die uns seit über 100 Jahren von dogmatischen Darwinisten, Neodarwinisten und Soziobiologen wie Richard Dawkins ("Das egoistische Gen") erzählt werden. Wo Darwin Recht hatte, da hat er Recht, und das betont auch Joachim Bauer hier in seinem Buch: Die Abstammungslehre ist richtig, Kreationismus ist Unsinn. Doch wo Darwin Unrecht hatte, da hat er Unrecht. Mich amüsiert die Standard-Antwort, die man zu hören bekommt, wenn man Darwinisten widerspricht: Man habe die Theorie Darwins nicht richtig verstanden! Das erinnert einen an die Diskussion mit dogmatischen Marxisten oder Freudianern: wenn die nicht mehr weiter wissen, dann hat man die Theorie eben nicht verstanden. Wenn eine Theorie so leicht mißverstanden werden kann, dann hat das evtl. etwas mit der Theorie zu tun, Freunde! Joachim Bauers Buch ist ein aufklärerischer, von den Scheuklappen des Darwinismus befreiender Text, gut geschrieben, leicht zu lesen. Ich empfehle das Buch allen, die den Nebel wegblasen wollen, den die Soziobiologie seit Jahren verbreitet (Menschen seien von Genen gebaute "Maschinen" etc.).Ein auf Missverständnissen beruhender Text (22. September 2008)
Ein Großteil des Buches basiert auf einem Missverständnis, welches schon im Klappentext nachzulesen ist. Dort heißt es nämlich: "Gemäß der heute (noch) vorherrschenden Meinung gilt Konkurrenz als 'der biologische Antrieb des Lebens - auch des menschlichen'."Biologen und Soziobiologen behaupten dagegen in aller Regel, Selbsterhalt und Fortpflanzung seien die biologischen Antriebe des Lebens. Ob dieser Selbsterhalt optimal durch Konkurrenz, Kooperation, Altruismus erreicht wird, ist erst in zweiter Linie von Bedeutung. Allerdings besteht heute auch für Hardcore-Darwinisten kein Zweifel daran, dass der evolutionäre Erfolg des Menschen maßgeblich auf Kooperation beruht. Kooperation steht nicht im Widerspruch zur Darwinschen Theorie.
Fortpflanzung ist dagegen schon vom Prinzip her altruistisch: Hier sorgen Lebewesen dafür, dass andere Lebewesen (die bei manchen Arten dann später sogar zu Konkurrenten werden) entstehen und aufwachsen können. Es war dieser altruistische Lebensaspekt, der Richard Dawkins maßgeblich zu seiner Theorie der egoistischen Gene veranlasste: Man zieht andere Lebewesen im Interesse der eigenen Gene groß. Ähnlich wie Bauer glaube ich zwar ebenfalls nicht an eine solche Theorie, dennoch sollte man wissen, dass sie nicht rein konkurrenzmotiviert ist.
Irritierend war für mich, dass Bauer zwar ständig vom Prinzip Menschlichkeit und von Kooperation spricht, seine Argumentationen gegenüber Darwin und Dawkins stellenweise aber extremst konkurrenzbetont bis feindlich sind. Kritiken an der Darwinschen Evolutionstheorie oder an Dawkins Theorie der egoistischen Gene sollten sachlich wissenschaftlich vorgetragen werden, was in Bauers Buch meist nicht der Fall ist.
Beziehungen, Umwelt, Gene und Körperbiologie vereint (12. September 2008)
Joachim Bauer setzt nach "Das Gedächtnis des Körpers" und "Warum ich fühle, was du fühlst" mit dem vorliegenden Werk seine Erfolgsserie wissenschaftlich fundierter Bücher auf eindrückliche Weise fort. Wer allerdings im neuen Buch ein Loblied auf das Gute im Menschen erwartet, der sieht sich auf weiten Teilen des Buches enttäuscht, nicht etwa, weil Bauer nichts Gutes zu vermelden hätte, ganz im Gegenteil. Vielmehr deckt er die (darwinistischen) Hintergründe des auf Kampf, Überleben und Bessersein basierenden Weltbildes schonungslos auf und beweist, weshalb Evolution - von der Zelle bis zur Biosphäre - auf Kooperation, Bindung, Zugehörigkeit und gegenseitiger Hilfe beruht.Äusserst eindrucksvoll ist zum Beispiel Kapitel 3, in dem Bauer die Zusammenhänge zwischen Aggression und sozialer Bindung aufzeigt. Der Text sollte unter anderem von Politikern, Anwälten und Richtern - sowie von Lieben, Netten, Harmlosen und Friedliebenden - studiert werden. Vielleicht würden sie dann bei politisch brisanten - d.h. der persönlichen Profilierung dienenden - Themen wie Jugend- und häuslicher Gewalt nicht mehr nur nach neuen, starren und einseitigen Gesetzeserlassen und zu juristisch zwar korrekter, aber engstirniger "Rechtssprechung" rufen.
Sehr eindrücklich ist auch Kapitel 4, im Rahmen dessen Bauer die Lehren von Charles Darwin darlegt. Darin analysiert er, welchen Einfluss der Darwinismus auf das Weltbild im letzten Teil des 19. Jahrhunderts und das darauffolgende 20. Jahrhundert - mit den bekannten kriegerischen Auswirkungen - zeitigte. Wem das nicht genügt, dem sei empfohlen: "From Darwin to Hitler" von Richard Weikart, ebenfalls zitiert von Joachim Bauer.
Auch legt Bauer überzeugend dar, dass das darwinistische Weltbild noch lange nicht überwunden ist. Jedenfalls sei Lesern der Bücher von Richard Dawkins (z.B. "Das egoistische Gen") dringendst angeraten, auch die Darstellungen im vorliegenden Buch zu studieren.
Wir Menschen sind nicht nur Zufallsprodukte aus dem Kampf der Gene, sondern wir entstehen, lernen, wachsen und verändern uns im wechselwirkenden, in sich rückgekoppelten "Quartett" aus (1) Genen, (2) Umwelt und Lebenssituation, (3) Begegnungen und Beziehungserfahrungen, und (4) körperlicher Biologie.

