Kundenrezensionen zu 'Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen: Frankfurter Vorlesungen'
Sprache als Metapher des Freispruchs (4. Januar 2009)
Man muss, schreibt Peter Sloterdijk (1947-) im ersten Band der "Sphären", wenn die theoretische Entfaltung wirksam sein soll, das Geschenkpapier rascheln hören, in dem etwas Fast-Bekanntes und auch Fast-Vergessenes dem Besitzer wie etwas Neues noch einmal überreicht wird. Hier ist sein Geschenk.In der Tat ist so sein Werk zu verstehen. Gelingt es ihm aus der ersten rein physischen Geburt einen Mangel zu machen, der erst behoben wird, wenn die Sprache zur Welt kommt, der Mensch zur Sprache kommt, damit zum Denken. So kann der Leser Sloterdijks seine immerwährende Geburt feiern, wenn er durch Lesen dessen sprudelnder Vielfalt erneut zur Welt kommt, im Wiedererkennen die fortlaufende Schöpfung alter Gedanken in anderen Kontexten erlebt. Selbst das Hören des Rascheln des Geschenkpapiers versetzt in die Zeiten der Entdecker, jene terrane Depression erzwingt den Aufbruch ins maritime Erlebnis des längst Bekannten, aufgefangen und hochgehoben in die Sphären der Assoziationen.
Ob man ihm den Benjaminschen Begriff der Universalpolemik unterstellen will oder nicht; er reibt sich an der Sache und gebiert seine Sprache und bereichert die unsrige mit Neologismen. Er ist in der Welt der kinetischen Modernen zu Hause, eine Welt, die sich zu schnell bewegt, die ein sich zurückblättern bedarf, damit das Wagnis eines Neuanfangs nicht untergeht. Damit ist Sloterdijk Verfechter einer autarken Persönlichkeit, die die Poetik des Anfangens begreift als eine Selbstgestaltung, begleitet von der intensiven Sorge, einen schwierigen Anfang nicht noch zu einem bösen Ende zu führen. Denn die notwendige Erkenntnis, "dass für uns das Beste nicht auf der Linie des Wissens, Wollens und Könnens liegt, sondern in der Zuwendung zu dem allumfassenden Nichtwissen, in dem auch das Können und Wollen zur Ruhe und zur Schwebe finden".
Diesen Weg des Sokrates zu gehen, zur eigenen Sprache zu finden, die das persönliche Innen mit dem angebotenen Außen verbindet und reflektiert, ist ein Aufruf zum: Werde, der Du bist, der im Strome aller Überlieferungen zwischen Original und Kopie keine Rangfolge definiert, sondern jede Wiederholung als Premiere, als seine Premiere des ersten Mals empfindet.
Dass Sloterdijk schon hier zu dieser Zeit die Weltformel des Neokonservatismus beschreibt, mag prophetisch klingen:
Unbewusstheit plus Höchstgeschwindigkeit; oder: Immobilismus - der Explosion entgegen.
Nun folgt nicht daraus, dass wir den Kynismus frönen. Vielmehr sei an Heine gedacht, der den Übermut der Schreiber und Dichter als Versprechen und Zeugnis für die Utopie des Leichtsinns ansah.
Sloterdijks Poetik der Ent-Bindung, seine Poesie der Selbstgestaltung ist -wie immer - lesenswert. Ein Meister der fröhlichen Wissenschaft.

