Kundenrezensionen zu 'Herrin des Hügels: Das Leben der Cosima Wagner'
Lange darauf gewartet - es hat sich gelohnt (17. August 2008)
Letztes Jahr wurde diese Biographie in einer Fernsehsendung vorgestellt, seitdem ist dieses Buch mir im Hinterkopf. Und gerade rechtzeitig zu den Festspielen konnte ich mich in die doch sehr kritische Geschichte der ŽWahnfriedsŽ einlesen; zentrale Rolle war in diesem Buch Cosima Wagner, die letzte Ehefrau des Komponisten Richard Wagners.Eine anfänglich zurückhaltende Frau, die aber in ihrer Rolle der Muse Richard Wagners ganz und gar aufging. Nach seinem Tode riss sie das Ruder komplett an sich und versuchte schon fast rücksichtslos alles darauf vorzubereiten ihrem Sohn Siegfried Wagner die Festspielleitung eines renommierten Hauses übergeben zu können.
In den Briefen die sie schrieb, fiel mir auf, das sie über eine enorme Fähigkeit besaß andere Menschen einzuschätzen und, teilweise nur durch geschriebenes Wort, sie zu Dingen zu bewegen oder ganz und gar für sich zu gewinnen.
Auch habe ich die Ansicht gewonnen, das der anfänglich kleine antisemitische Teil Richard Wagners noch von ihr voll ausgebaut wurde und entsprechend später den Nazis sehr gelegen kam. Wenn sie Kritik verspürte, berief sie sich auf ihren Mann. Dies zieht sich übrigens durchs ganze Buch: wenn jemand die Wahnfrieds kritisierte wurde stets auf Richard Wagner verwiesen Žer hätte es so gewolltŽ
Alles in allem, war Cosima eine starke Persönlichkeit ohne die Bayreuth sicher nicht den Ruhm hätte, den es heute hat. Durch ihre organisatorischen und auch musikalischen Fähigkeiten hat sie hart daran gearbeitet um hier viel voran zu bringen. Andererseits zeigt das Buch auch ihre harte und kompromisslose Art, die sich zum Beispiel recht gut in ihren späten Jahren bei einem Eklat gegen ihre Tochter gezeigt hat.
Die "Meisterin" - devot und doch emanzipiert (18. Januar 2008)
Schon während ihrer strengen Erziehung durch die Gouvernante Mme. Patersi in Paris stand Cosima unter dem Einfluss des Werkes "De imitatione Christi" von Thomas von Kempen, einem Augustinermönch und Hauptvertreter der "Devotio moderna", der "neuen Frömmigkeit". Eine ihrer Lieblingsstellen daraus ("Wer am besten zu leiden versteht, wird den größten Frieden haben") wurde zu ihrem Lebensmotto, mit dem sie zum einen die seelischen Verletzungen in ihrer Kindheit bewältigte und sich zum anderen später ihrem "Meister" Richard Wagner total unterordnete. Selbst beiläufiges Gerede wurde zu "Meisterworten" überhöht und außereheliche Eskapaden ihres Mannes als Bestätigung ihres Märtyrertums gesehen. Der Kult ging so weit, dass Jahrzehnte nach Wagners Tod Musikinstrumente und Einrichtungsgegenstände, die dieser benutzte, nicht berührt werden durften.Als Cosima von Paris nach Berlin zog, um dort später den Musiker Hans von Bülow - einen Schüler ihres Vaters Franz Liszt - zu heiraten, empfand sie ihre neue Heimat als provinziell und langweilig. Sie vermisste den distinguierten Lebensstil Frankreichs. Verblüffend ist deshalb, dass Cosima, deren Muttersprache Französisch war, später zu einer glühenden Verfechterin des Deutschtums wurde. Genauso paradox verhielt es sich mit ihrem späteren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain und ihrer Schwiegertochter Winifred, die beide als britische Staatsbürger geboren wurden. Der Chauvinismus gipfelte in einem unsäglichen Antisemitismus, obwohl der Rabbinersohn Hermann Levi zu den langjährigen Festspieldirigenten zählte.
Dass es sich hierbei allein um Wagners geistiges Erbe handelte, bleibt zweifelhaft, denn der einstige Liberale und Revolutionsbegeisterte hinterließ kein geschlossenes Weltbild. Aus der Verworrenheit und Widersprüchlichkeit seiner Äußerungen wurde erst nachträglich vom "Bayreuther Kreis", der von der Witwe dominiert wurde, ein stimmiger Kanon gezimmert.
Und dennoch gibt es trotz aller Schattenseiten viel Bewundernswertes an dieser Frau. Mit der Übernahme der Festspielleitung nach Wagners Tod trat eine emanzipierte Managerin in den Vordergrund, die entgegen dem damaligen Zeitgeist von Heim und Herd ein wirtschaftlich florierendes Unternehmen aufbaute. Mit hoher Intelligenz, Autorität und Durchsetzungsfähigkeit hielt die als "Meisterin" akzeptierte Grande Dame alle Fäden in ihren Händen. Sie pflegte Umgang mit Monarchen, korrespondierte mit illustren Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik. Anderseits galt sie als humorvoll und in der Erziehung ihrer Kinder als liebevolle Mutter. Heute könnte man Cosima mit einer erfolgreichen Frau, die ihre berufliche Topkarriere mit Familiensinn unter einen Hut bringt, vergleichen. Ohne Cosima wäre die Festspieltradition auf dem Grünen Hügel undenkbar.
Oliver Hilmes hat für dieses Buch umfangreiche Recherchen im bis unter die Decke gefüllten Wagner-Archiv getätigt. Ihm ist es gelungen, das Leben der Cosima-Liszt-von-Bülow-Wagner als große Oper zu inszenieren. Manchmal geht sein flüssiger Schreibstil aber zu Lasten der Genauigkeit (Beispiel: "Am 16. Oktober 1901 war es soweit: Cosimas erster Enkel erblickte das Licht der Welt." - In Wirklichkeit hatte sie schon vier Enkel). Zu bemängeln sind auch die an Voyeurismus grenzenden Spekulationen über sexuelle Probleme und Orientierungen der Kinder Daniela und Siegfried, die ausgiebig ausgewalzt werden. Der Gipfel ist das ohne jegliche Quellenangabe in die Welt gesetzte Gerücht über eine Affäre Winifred Wagners mit Adolf Hitler. Hier verläßt der Historiker sein Metier, um sich auf den Boulevard zu begeben, nach dem Motto "Sex sells".
Auch wenn die ultimative Cosima-Biografie wahrscheinlich erst noch geschrieben wird, ist dieses Buch ein interessanter Beitrag zum Verständnis über den Ursprung des Wagner-Kults.
Copyright by Cosima Wagner (18. November 2007)
Wer sich für Familientragödien oder gar familiäre Kriminalfälle interessiert, wurde bisher bei den Königsdramen Shakespeares fündig - der große Brite spürte fast allen Morden und Intrigen nach, die Menschen - oder eben auch Könige! - anstellen, um Macht zu erringen oder zu erhalten, um den eigenen Machtbereich auszudehnen und andere Menschen für eigene Zwecke zu benutzen oder sich dienstbar zu machen. Shakespeare fand in der Geschichte der englischen Königshäuser dazu ausreichend spannenden Stoff. Hätte er damals die Wagner-Dynastie gekannt, wäre ihm das sicher einige Dramen wert gewesen; nun wird es - in zufälliger Reihenfolge - von seriösen Wissenschaftlern aufgearbeitet und als Biographie quasi nachgereicht. Nachdem fast jedes Mitglied dieser Dynastie die Sache bereits aus eigener Ansicht" dargestellt hat und auf diese Weise die Wahrheit nicht immer im rechten Lichte erschien, folgten - wie konnte es anders sein - Entgegnungen und Richtigstellungen, die - bei allem Wahrheitsgehalt - dennoch ein hohes Maß an Subjektivität behielten. Nun gibt es zwei Bücher, die nicht nur hohe wissenschaftliche Maßstäbe, sondern gleichsam auch hohe Objektivität walten lassen und den dankbaren, aber schwierig-ausschweifenden Stoff komprimiert bearbeitet haben: nach Brigitte Hamanns Biographie über Winifred Wagner folgt Oliver Hilmes mit Herrin des Hügels - Das Leben der Cosima Wagner. Und um es gleich im Voraus zu sagen: ein gutes und wichtiges, weil hervorragend recherchiertes Buch, das sich spannend liest, wie ein Krimi, ohne reißerisch zu sein.Der Autor hat weder Zeit noch Mühe gescheut, um viele Dokumente, die im Nationalarchiv von Bayreuth wohl vorhanden sind, bisher aber kaum genutzt werden konnten oder durften, zu studieren und in seine Arbeit einfließen zu lassen. So entsteht nicht nur die Kulturgeschichte einer ganzen Epoche - Cosimas Lebensraum umschließt immerhin die Jahre 1837 bis 1930! - sondern auch ein wichtiges Dokument über Wagners Werke und ihre Wirkungen, das man kennen sollte, will man heutige, oft unnötige Dispute, verstehen. Gleichsam ist das Buch eine notwendige Voraussetzung für das Verständnis der von Brigitte Hamann geleisteten Arbeit über Winifred Wagner. Beide Bücher umspannen das Thema Bayreuth" von den Anfängen bis in die unmittelbare Vergangenheit.
Oliver Hilmes geht mit seiner Protagonistin hart ins Gericht, versagt ihr aber nirgendwo den notwendigen Respekt für ihre Lebensleistung und arbeitet - und in dieser Form durchaus zum ersten Male - die hohe Kompetenz heraus, die diese Frau besessen hat. Cosima hatte als Tochter Franz Liszts nicht nur eine schwere Kindheit und Jugend, sondern auch eine außerordentliche humanistische und musikalische Ausbildung zu absolvieren, die es ihr ermöglichte, fundiert zu urteilen und kompetent zu entscheiden. Die Unbedingtheit, mit der sie sich schon nach wenigen Ehejahren an der Seite von Hans von Bülow für ihre Lebensaufgabe" - Richard Wagner - entschied, der Fanatismus, der sie leitete, um diese sich selbst gestellte Lebensaufgabe zu erfüllen, sie haben in der Konsequenz durchaus auch tragische, verwerfliche Ziele verfolgt, die das Buch schonungslos beim Namen nennt - z. B. hinsichtlich der Verstoßung ihrer Tochter Isolde und der verhängnisvollen Nibelungentreue zu ihrem Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain. Auch ihr Glaube an die kompositorische Kraft des eigenen Sohnes, Siegfried Wagner, wird eindrucksvoll beschrieben, allerdings wohl doch - was das kompositorische Werk betrifft - zu negativ beurteilt. Einzelne Werke Siegfried Wagners, die in den letzten Jahren auf den Bühnen und auch über CDs einer kritischen Überprüfung unterzogen werden konnten, sind wohl doch nicht so negativ zu sehen, wie die Zeitgenossen und das offizielle Bayreuth (insbesondere auch der Zeit nach Cosimas Tod) das vermitteln zu müssen glaubten. Hier wartet weiterer Stoff für künftige Arbeiten, die eben auch zum Thema gehören. Meines Erachtens schließt sich der Autor in dieser Frage zu kritiklos der allgemeinen Meinung an, die die Musikgeschichte zu diesem Thema gesprochen hat; indessen gibt es auch in diesen Fragen Wandlungen, - nicht nur Siegfried Wagner wurde von der Allmacht der Werke seines Vaters und ihrer Vorherrschaft auf den deutschen Bühnen, die nicht zuletzt Cosima mit initiiert hatte, erschlagen.
Und das Buch ist wichtig und aufschlussreich für jene, die in den nächsten Wochen oder Monaten Entscheidungen zu treffen haben hinsichtlich der künftigen Leitung der Bayreuther Festspiele. Cosima Wagner, die die Institution Bayreuth" geschaffen hat - und diese historische Leistung stellt der Autor zu keiner Zeit infrage! - war eben nicht nur ein Mitglied der Familie, sondern auch in hohem Maße kompetent. Das sollte beispielhaft bleiben, für alle Entscheidungen, die in der Sache anstehen. Mit Sicherheit ist dies nicht das letzte Buch zur Geschichte unseres Königshauses"! Mit Sicherheit bleibt die Sache spannend - gelegentlich sollte man nicht vergessen, dass die Werke Richard Wagners, die mit diesen Kabalen nichts zu tun haben, der Quell sind, aus dem das alles fließt; es darf nicht der Eindruck entstehen und vermittelt werden, dass die Herrscher des Hügels bewirkt haben, dass Richard Wagner ein erfolgreicher Opernkomponist wurde - umgekehrt wird ein Schuh daraus: wenn es die Werke Wagners nicht gäbe, die frei sind von Antisemitismus und Chauvinismus, würden wir über diejenigen, die über die Hügelfähigkeit" von Werken und Künstlern befinden, kein Wort verlieren.
Dienen, nicht lieben - das war die Devise (24. Juli 2007)
Was im Fussball in den letzten Jahren die "Manager-Frau" (Gabi Schuster, Martina Effenberg, Frau Illgner und Frau Häßler) war, hat Cosima Wagner im Bereich der "Klassik" vorgeführt. Mit kühler und harter Manager-Hand Wagners Ruhm zu mehren (auch mit politischer Andienung an Hitler und Konsorten)und die Wagner-Festspiele zu etablieren.Oliver Hilmes versteht es, Cosimas Wagners Lebensstationen von Kindheit, "Ehefrau" und "Kulturmanagerin" in Sachen Wagner packend und flüssig darzsutellen. Dabei hat er auch noch Neues entdeckt: Zum ersten Mal hat er Prozessakten ans Tageslicht gefördert, die den Prozess zwischen "Isolde" (die noch von Bülow als Kind anerkannt wurde und deshalb auf Nachlass und Erbe verzichten musste) und Cosima nachvollziehbar machen. Isolde Wagner hat den sog. "Beidler-Prozess" Prozess verloren und Cosima verfügte, dass ihr Name nicht mehr erwähnt werden dürfte.
Oliver Hilmes zeigt in vielen Facetten wie Bayreuth zur kulturellen Ikone werden konnten uhd er zeigt auch, wie verbissen und hartnäckig Cosima Wagner ihren Anteil daran hatte. Ihr Zuneigung zu Richard Wagner war weniger von Liebe geprägt, als von Dienen!
Auch psychologische Informationen angeführt (16. Juli 2007)
Es ist schon bemerkenswert, wie Oliver Hilmes, der ja auch über Alma Mahler-Werfel geschrieben hat, dieses Objekt und dessen Thema angeht.Schon allein das Titelbild, meine ich, gibt Aufschluß über das Wesen dieser Frau.
Herrische Herrin des Hügels, so könnte man sagen, das strahlen die Gesichtszüge aus.
Und es ist da so etwas Erhabenes, so bewußt sich ausdrückendes Etwas. Wir erfahren z.B. von ihrer liebenden Einstellung zum Deutschen, zum Deutschtum, was immer das sein mag, und somit ist es klar, sie konnte auf mindestens zwei Fährten dem Meister (Wagner) folgen, auf der künstlerischen und auf der politischen.
Wohin das führte (und hoffentlich!) nicht mehr führen mag, dafür sollten wir alle, die es angeht etwas tun, aber wirklich in Worten und im Wirken.
Bleiben wir beim Künstlerischen, bei den Musen und beim Management.
Hier, das ist ganz sichtbar und auch klar, hier hatte diese Frau, um die es geht, das sichere Gefühl (und das trügt meist nicht!), Wagners Genie zu sehen, zu fühlen, vor und vor allem nach seinem Tod zu betreuen.
Ja, das ist der wohl geziemende Ausdruck dieser Einstellung, daß sie sich mit ganzer Kraft dem Wohl dieser herrlichen Kunst widmete, aufopferte bis hin zu Eigenartigkeiten beim Tode ihres Vaters Liszt während der ersten erfolgreichen Festspiele unter ihr.
Die anfangs erwähnten psychologischen, vor allem kindlichen Eindrücke, Erschwernisse, die harte Erziehnug, das "globale" Aufwachsen in, sagen wir mal, herrschaftlicher Umgebung, das ererbte Gut von ihrem Vater Franz Liszt, von ihrer Mutter Marie d`Agoult, prädestinierte sie für eine solche Aufgabe, wie sie sie verstand.
Dadurch haben wir heute, hat alle Welt heute die Möglichkeit, Wagners Kunstgattung in vollen Zügen auf dem Bayreuther Hügel zu genießen.
Deshalb ist dieses Buch so inhaltsreich, es beinhaltet ja auch fast alle Fehler der Herrin des Hügels und ist daher ziemlich ehrlich und wahrhaftig.
Wer heute vor einer Premiere oder überhaupt einmal nach Byreuth kommt, vielleicht an der "Scheune" vorbeifährt und die älteren und vor allem jungen Menschen betrachtet, die sich für Wagner interessieren, sollte daran denken, daß ja alles weitergeht. Wenn es der Zufall will, läuft einem oben vor dem Festspielhaus schon mal ein älterer freundlicher Herr im eifrigen Schritt über den Weg und seine junge Tochter wird weiterführen, was die damalige "Herrin des Hügel" einleitete.
Politische Fehler hin oder her, Wagner vereint sie alle, diese und jene Befürworter, alle geben sich wohl seiner Musik hin, einige auch den Texten oder dem Gesamtwerk, einige aber kommen, um nur zu schauen und nebenbei ein gutes Bier zu trinken.


