Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945

Verkaufsrang: 3830 (Bücher)
Autor: Andreas Kossert
Gebundene Ausgabe
EAN: 9783886808618
Auflage: 3
ISBN: 3886808610
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ListPrice:
Seitenzahl: 450
Erscheinungsdatum: 1. August 2008
Verlag: Siedler
Preis: EUR 24,95

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Kundenrezensionen zu 'Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945'

Ein sehr wichtiges Buch (2. August 2008)

Ich bin ein Kind der Nachkriegsgeneration und versuche, die Lücken meines DDR-Geschichtsunterrichtes zu schliessen. Meine Großmutter hat so viel Schmerzvolles erlebt (ihr Neugeborenes verhungerte auf dem Treck), dass sie Zeit ihres Lebens nicht darüber sprach.Jetzt kann ich besser verstehen, warum das so war.

Ich finde dieses Buch ganz wichtig und ich hoffe, viele Menschen werden es lesen.

Ein großer Teil der Wahrheit, aber nicht alles (31. Juli 2008)

Andreas Kosserts Buch "Kalte Heimat" ist eine interessante und lesenswerte Lektüre. Der Autor und Historiker nimmt sich dem Thema der deutschen Vertriebenen nach 1945 an, das geprägt war von Verlust, Traumatisierung, Ablehnung und Entwurzelung. Viele Menschen in der damaligen Bundesrepublik haben es den Vertriebenen nicht leicht gemacht, mache beschimpften sie gar und machten ihnen da Leben zusätzlich durch Schikanen schwer. Dieses Verhalten war unmenschlich und es ist wichtig, dass dies nun zum Vorschein kommt. Dennoch, auch wenn fast alle Vertriebenen hauptsächlich mit Ablehnung und Missverständnis konfrontiert waren, haben auch fast alle Vertriebenen die selteneren Erfahrungen des Mitgefühls und der Hilfe gemacht. Hier sei auch nochmal den Hilfsorganisationen zu danken, und Menschen, die sprichwörtlich ihre letzte Habe teilten. Auch sie sollte man nicht vergessen. Interessant ist heute, da das Thema Ablehnung nach 1945 "in fashion" ist, dass manchmal gar diejenigen, die in den letzten 30 Jahren die Vertriebenen verbal in die Aussenseiterrolle drängten, jetzt von "kalter Heimat" reden. Doch zu dieser "kalten Heimat" haben manche, die nun davon viel reden, selbst beigetragen. Auch einseitige Medienberichterstattung und so gewisse Politiker (erschütternde Entgleisungen wie Vertriebene seien "Wahlvieh für die CDU") haben dazu beigetragen, dass die Vertriebenen sich nicht angenommen fühlen konnten, und die heimische Bevölkerung immer wieder dazu animiert wurde, diese Menschen eben nicht anzunehmen und ihre Belange zu bagatellisieren. Auch das sollte man nicht vergessen. Zu erwähnen wäre ebenso, dass die 2. Generation oft "Einheimische" heiratete, so dass viele Nachkommen der Vertriebenen heute auch einen "einheimischen" Elternteil oder ein Elternteil anderer Migranten haben (oder beides).

Ein wegweisendes Buch über ein lange Zeit ideologisch überdecktes Schicksal - Geschichtsschreibung, wie sie sein sollte (20. Juli 2008)

Es waren neben den üblichen verharmlosenden und die Rolle der eigenen Familie negierenden Bemerkungen zum Dritten Reich, die ersten und über lange Jahre immer wiederkehrenden politischen und überaus abschätzigen Statements in der Herkunftsfamilie des 1954 geborenen Rezensenten an die ich mich erinnern kann. Sehr negative Aussagen über jene Familien von Schulkameraden, zum größten Teil katholischer Konfession, die nach dem Krieg im Heimatdorf des Rezensenten angesiedelt wurden und die "in der Siedlung" mit viel Fleiß und gegenseitiger Nachbarschaftshilfe sich kleine Häuschen bauten und, begünstigt durch das aufkommende Wirtschaftswunder, auch beruflich Tritt fassten und sich sichere Existenzen gründeten. Klar, entsprechende Zuschüsse und Entschädigungen für das in der alten Heimat Verlorene halfen dabei. Aber sie können niemals so groß gewesen sein, wie das meine Mutter etwa in ihrem hasserfüllten Neid gegen die Neubürger behaupten und unterstellen wollte. Flüchtlinge" waren und blieben sie bis weit in die siebziger Jahre hinein.

In dieser Zeit bekam ich dann Kontakt mit einem anderen Vorurteil, das die Vertriebenen nicht weniger wirksam diffamierte. Auch bedingt durch die reaktionäre Politik ihrer Verbände als unbegriffener (?) Teil des Kalten Krieges galten in aufgeklärten und linksliberalen Kreisen die Vertriebenen als Hort des politischen Gegners. Und ähnlich wie diese Konstellation gestaltete sich auch damals die Einschätzung der UdSSR und der DDR. Immer mit der Hermeneutik des Verdachts arbeitend, die ja verhindern sollte, dass man etwa im Hinblick auf die sowjetische Geschichte die gleiche Einschätzung hatte wie Franz Josef Strauss zum Beispiel, schwieg man lieber und betonte gebetsmühlenartig das linke Mantra von den notwendigen Folgen des Faschismus und der Hitlerschen Angriffskriege. Damit waren die Moskauer Prozesse, der Gulag und die kommunistische Diktatur außerhalb jedes Diskurses.

Der 1970 geborene Historiker Andreas Kossert, der auch in Polen studiert hat und derzeit am Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitet und zu den profiliertesten Osteuropahistorikern in Deutschland gehört, hat mit diesem wegweisenden Buch frei von den beschriebenen Ideologisierungen der Nachkriegszeit die schwierige Ankunftsgeschichte der Vertriebenen umfassend erforscht und einen lange Zeit blinden Fleck im Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgeschichte beleuchtet.

Er beschreibt eindrucksvoll die Erfahrungen der Millionen von Menschen, die durch den Krieg von ihrer Heimat entwurzelt wurden und nach immensen materiellen und menschlichen Verlusten eine neue, für sie aber lange Zeit "Kalten Heimat" finden mussten. Kossert entlarvt den Mythos von der schnell geglückten Integration und zeichnet erstmals ein wirklichkeitsgetreues Bild von den schwierigen Lebensumständen der Flüchtlinge im Wirtschaftswunderland BRD.

Was mich am meisten bewegt, wenn auch nicht wirklich verwundert hat, ist seine Beschreibung der Folgen dieser Vertreibung nicht nur für die Nachkommen der "Flüchtlinge" sondern für unsere ganze Gesellschaft.

Für alle an der deutschen Geschichte interessierten Leser ein empfehlenswertes, wegweisendes Buch.


Nicht nur Kälte (19. Juli 2008)

Das Buch vermittelt den Eindruck, alle Flüchtlinge hätten von allen nur Ablehnung geerntet. Wir hörten im Westen nach dem Krieg im Rundfunk täglich den Suchdienst des Roten Kreuzes. Da suchten Kinder ihre Eltern und Eltern und Geschwister ihre Familien. Die Schicksale waren erschütternd. In unser Haus hatten wir eine sehr junge Frau aufgenommen, die aufgrund einer Beschießung und Verwundung auf dem Haff, von ihrer Familie getrennt wurde. Sie fand durch den Suchdienst 2 von 7 Geschwistern. Auch der Vater kam eines Tages abgerissen in unser Haus. Die Mutter ist verschollen. Meine Frau (evangelisch) und ich gingen mit den Ostflüchtlingen, die (in unserer katholischen Gegend) vorwiegend evangelisch waren, in die Schule. Der Bruder besuchte die neu errichtete evangelische Schule. In diesem Umfeld gab es keine Ablehnung. Es stimmt, dass die neuen Häuser für die Flüchtlinge vor der Stadt errichtet wurden. In der Stadt war alles zerstört. Die Einwohner hatten selbst ihre Häuser wieder aufzubauen und die Schäden zu beseitigen, wir auch. Von manchen Meckerern gab es sicher auch Missgunst. Das ist heute nicht anders. Die Verallgemeinerung durch den Autor ist eine undiffrenzierte Betrachtung. Er selbst beklagt sich über undifferenzierte Betrachtungen. Das passt nicht zusammen. Dass die Eingliederung für die Flüchtlinge in der Fremde als schwer empfunden wurde, ist nicht verwunderlich und es gab nicht nur Entgegenkommen. Als wir selbst als sechsköpfige Familie ohne Vater, auf der Flucht in der Fremde, nach den Bombenangriffen, von der Landbevölkerung aufgenommen wurden, waren wir für diese eine Last. Aber persönliche Ablehnung haben wir nicht empfunden, stattdessen Freundschaften, die bis heute andauern, soweit die Betreffenden nicht gestorben sind. Zu unserem Verwandten- und Freundeskreis gehören Flüchtlinge aus dem heutigen Polen, Russland und Tschechien. Wenn sich erst mit Günter Grass und Willy Brandt die Lage der Vertriebenen gebessert haben soll, so ist das abwegig, denn die Zeit von Hunger und Not und der Integration war vorbei. Der Autor hat ausführlich recherchiert aber informiert den Leser selektiv sehr einsetig. Die Möglichkeit zur Information hatte und hat auch heute noch jeder selbst, denn viele Menschen aus dieser Zeit leben noch, ich auch, der ich nun bald 80 Jahre alt werde.

Fremd (7. Juni 2008)

Der Krieg war vorbei und die Leute wollten endlich Ruhe. Da kamen die Vertriebenen aus dem Osten. Sie kamen zuhauf und überwiegend in ländliche Gebiete. Außenseiter in Gemeinschaften, in denen jeder alles über alle zu wissen glaubte und jeder seinen in die Nachkriegszeit geretteten Besitzstand sichern wollte. Sichern und mehren, nicht teilen. Vor allem aber wollte man vergessen oder wenigstens verdrängen. Über das Fremde hinaus, waren die Vertriebenen Salz in einer Wunde, die noch heftig schmerzte. Sie verkörperten unübersehbar das Elend des verlorenen Krieges, der mit einem unfassbaren Völkermord einherging. Vor denen musste man sich schützen und abgrenzen. Und eigene Sorgen hatte man mehr als genug. So lebten die "Dahergelaufenen", von denen nicht wenige traumatisiert gewesen sein dürften, als Zwangseingewiesene in Räumen, die man ihnen meist nur widerwillig überließ, und in Barackensiedelungen. Für lange Zeit waren sie sozial isoliert und mussten nicht selten als Sündenböcke herhalten.

Nach heutiger Lesart ist die Integration der Vertriebenen nach 1945 eine glückliche gewesen, noch dazu in relativ kurzer Zeit. Der Wissenschaftler Andreas Kossert verneint diese These in seinem Buch. Sich in etwas Unabwendbares, Aufgezwungenes zu fügen, das Beste daraus zu machen, ist etwas völlig anderes, als eine fulminante Erfolgsgeschichte. Rund 14 Millionen Menschen wurden vertrieben und zwangsumgesiedelt und die meisten haben zweifellos einen Platz im schon bald aufstrebenden Wirtschaftswunderland gefunden. Die bitteren Verletzungen aus der Zeit der Flucht oder Vertreibung mit dem damit verbundenen allumfassenden Verlust der Heimat, vielleicht auch der Gesundheit, sowie der nagenden Angst um die eigene Existenz und die der Seinen, die anschließende Ausgrenzung, Diskriminierung und feindselige Ablehnung bleiben ein Leben lang, heilen nicht vollständig und belasten immer noch diejenigen, die heute alt sind und sich dabei ertappen, dass ihre Gedanken immer häufiger um die Heimat kreisen, die doch schon so lange verloren ist.

Der Autor führt den sich schon bald einstellenden wirtschaftlichen Erfolg der jungen BRD auch auf die Vertriebenen zurück, die mit Mobilität, Fleiß und Anpassung zum Aufschwung beigetragen haben. Er spricht das Lastenausgleichsgesetz von 1952 an und zeigt auf, dass der Ausgleich der Vermögensverluste nicht einmal annähernd stattgefunden hat. Die ausbezahlten Beträge entsprachen bei weitem nicht dem Wert des verlorengegangenen Grundbesitzes und anderen Werten, die zurückbleiben mussten. Außerdem schürte das Lastenausgleichgesetz bei einigen Nichtvertriebenen Neid und Missgunst. Kossert behandelt außerdem die Rolle der Vertriebenenverbände und geht mit dem zögerlichen Verhalten der politischen Parteien, die sich aus wahltaktischen Gründen den Forderungen aus diesen Reihen nicht energisch genug entgegenstellten, hart ins Gericht. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Umgang der Vertriebenen in der ehemaligen DDR, wo dieses Thema weitgehend totgeschwiegen wurde, während es in der BRD eine Zeitlang sogar ein Vertriebenen-Ministerium gab. Worauf aber bereits der prägnante Titel hinweist, bleibt das zentrale Thema des Buches: die Ablehnung der Vertriebenen durch die eigenen Landsleute und die damit einhergehenden verheerenden Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen. Andreas Kossert nimmt sich des Themas mit großem, eindringlichem Einfühlungsvermögen an. Er schärft das Bewusstsein seiner Leser für einen Teil unserer Bevölkerung, deren Platz inmitten unserer Gesellschaft inzwischen nicht mehr strittig ist. Diese Menschen aber, die letzten Zeitzeugen, waren Kinder oder junge Erwachsene, als ihre erste Welt unterging. Sie wissen, dass die Heimat nur im Herzen völlig sicher ist.

Wer sich anhand eines Einzelschicksals mit diesem Thema beschäftigen will, dem sei der Roman "Betrogen und vergessen: die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner" sehr empfohlen. Der kleine Reinhard war zehn Jahre alt, als er mit seiner Familie die Heimat in Böhmen verlassen musste. Die beschwerlichen Jahre der Flucht, des Ankommens in der neuen, der "Kalten Heimat" und die ersten Schritte zu einem bescheidenen Wohlstand in der noch jungen BRD, beschreibt der Autor Richard Bachmann so eindringlich, dass der Leser das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein. Ein Stück Zeitgeschichte der anderen Art, völlig unwissenschaftlich, aber absolut authentisch und eine passende Ergänzung zu diesem Buch.

Helga Kurz

dkb.de

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