Aus der Amazon.de-Redaktion
Eine nostalgische Modernität prägte 1977 Trans Europa Express, das sechste Album der Düsseldorfer Band Kraftwerk. Zum ersten Mal lagen Konzept und Produktion allein in den Händen von Ralf Hütter und Florian Schneider. Nach dem retrospektiven Album Radio-Aktivität gab sich die Band dem Thema entsprechend nun betont europäisch. Die Monotonie und bildhafte Schönheit einer langen Zugfahrt war die musikalische Fortsetzung von Autobahn auf dem europäischen Schienennetz.Mit diesem sinfonischen Gedicht war der Band eine zukunftsweisende Synthese aus Rock und Avantgarde gelungen, indem sie alltägliche Industrieklänge und Verkehrsgeräusche zu repetierenden Perkussionsmustern verarbeiteten. Metallische, tanzbare Schlagzeugrhythmen ergaben einen europäischen Funk, im Gesang huldigten sie ihrem größten Fan David Bowie und ihrem Idol Iggy Pop. Mit "Schaufensterpuppen" und "Spiegelsaal" persiflierten sie ihr eigenes Image als leblose, roboterhafte Bühnenpersonen. Die romantischen Impressionen standen im krassen Gegensatz zur einsetzenden Punk-Bewegung. Kein Schaden, wie sich bald herausstellen sollte. Schon ein Jahr später bezogen sich Bands wie Throbbing Grisle und Cabaret Voltaire mit ihrer Industrial Music auf die TEE-Klänge. Und 1982 verhalf ein Sample aus dem Trans Europa Express-Motiv Africa Bambaataa zu seinem Hit "Planet Rock" und Kraftwerk zu verspäteten Charterfolgen.--Ingeborg Schober
Kundenrezensionen zu 'Trans Europa Express (de)'
Hommage an ein Europa ohne Grenze (in Zeit wie Raum) (29. September 2007)
Ein Blick zurück: 1977, langsam wird der Nato-Doppelbeschluß Realität, die neue Deutsche Welle empfiehlt wie ein US- amerikanisches Reisebüro: Besuchen sie Europa solange es noch steht, bald wird die UdSSR in Afghanistan einmarschieren. Nur noch ein paar Ewiggestrige sprechen von einem Mitteleuropa, wie es vor 1914 war.... und Kraftwerk:Europa endlos: ....Parks, Paläste und Hotels, ...Eleganz und Dekadenz, ...Wirklichkeit und Postkartenbilder. Verweis auf einen Raum der Möglichkeiten, und damit ist nicht nur die Grenzöffnung gemeint.
Spiegelglas: ...Sogar die größten Stars entdecken sich selbst im Spiegelglas (wie Narziß, der sich eben da in sich verliebte), aber manchmal kommt auch ein Zerrbild heraus, die Person, die man sein wollte ist ganz anders als die, die man als Abbild erschuf. Pech, wenn man nur noch in diesem Spiegel sein Leben lebt. Warnung an eine auf Außendarstellung gerichtete Gesellschaft. Denn bald darauf zerbrechen die Schaufensterpuppen das Glas und ....fangen an zu tanzen.
Trans- Europa- Express: vocal;
Metall auf Metall: hier ist die percussion;
Abzug: Synthesizer und Vocoder, genial die Zugbremsung zum Schluß.
Dreimal dieselbe Melodie, dreimal verschieden gelegte Betonung.
Franz Schubert: Ein klarer Rhythmus am Spinett(?) mit einem unterlegten Klangteppich, fast wie Geigen, am Synthesizer
Endlos- Endlos: hier schliesst(endlos?) das Projekt eines endlosen Europa ab.
Kraftwerk: für mich eine kühle, am Synthesizer generierte Musik die uns an uns und unsere Herkunft erinnern will. Für mich eine der am wenigsten verstandenen Gruppen, genial, subversiv- eingängig, der Zeit noch immer weit voraus.
Meilenstein (12. Oktober 2006)
Als viele Bands einen Synthesizer noch für eine Waschmittelkomponente hielten, haben Ralf Hutter und Florian Schneider ein Album abgeliefert, dass Klänge und Rhytmen bot, die man so bis dato noch nicht gehört hatte.Die Musikkritiker waren damals mit dem Werk ziemlich überfordert und mokierten sich über den kalten Maschinensound des Albums.
Mit der nötigen zeitlichen Distanz wirkt das heute in etwa so, wie wenn man "Motörhead" vorwerfen würde, deren Musik sei zu laut.
Haben ab "Autobahn" alle Kraftwerk-Alben auch heute noch ihre Existenzberechtigung (Kraftwerk 1 und 2 sowie "Ralf und Florian" sind doch mehr was für Sammler), so ist "Trans Europa Express" insgesamt ihr geschlossenstes Album.
Zeitlos schön und nach wie vor unerreicht.
zeitloses musikalisches fortbewegungsmittel (2. November 2004)
kaum jemand, der sich mit elektonischer musik beschäftigt würde auf die frage, welches denn die zehn wichtigsten einflüsse für den stil seien, nicht auch den trans europa express erwähnen. seit gut 25 jahren fährt dieses gefährt unbeeindruckt von stilistischen veränderungen (und auch der ablösung des namensgebenden zuges) seinen weg. in der immer gleichen ruhe und eleganz, beinahe schon wie ein gespensterzug. wer das glück hatte, kraftwerk einmal live zu sehen, der weiss spätestens um die unglaublich hypnotische wirkung und kraft, welche vom titeltrack (respektive natürlich die gesamte trilogie: 'trans europa express', 'metall auf metall' und 'abzug') ausgeht.der systematische aufbau der tracks, spezielle akkustische effekte (wie den dopplereffekt des vorbeirauschenden tee's) sowie die eingängigkeit der melodie machen den trans europa express zu einem meilenstein der musikgeschichte. jahre nach der veröffentlichung fanden samples aus dem titeltrack eingang in africa bambata's 'planet rock' und nach einem langen weg via amerikanischem hiphop und detroit fand der trans europa express den weg zurück auf den alten (namensgebenden) kontinent und machte kraftwerk endgültig zu den gottheiten der elektronischen musik.
und für alle, die denken, das sei nur das schwadronieren eines maniacs, hier mein tip: kaufen, hören, nochmals hören und bedingungslos zustimmen, dass dies eines der grossartigsten zeugnisse der musik des zwanzigsten jahrhunderts ist.
Typisch deutsch: technikbegeistert & unterkühlt (24. April 2004)
Zu Recht haben es Kraftwerk aus Düsseldorf geschafft, international erfolgreich zu sein! Anders als andere deutsche Popmusiker, die Musik aus dem englischsprachigen Raum nachspielen, haben Kraftwerk etwas eigenständiges geschaffen. Warum sollte das Ausland deutsche Musik kaufen wollen, die nur englische Vorbilder imitiert? Das ist wie Eulen nach Athen tragen. Kraftwerk sind ganz anders. Eine Klasse für sich. Man sollte aber auch in der richtigen Stimmung für ihre Alben sein. Denn Hits gibt es bei ihnen kaum. „Das Modell" und „Die Roboter" sind Ausnahmen. Solche Hits fehlen auf „Trans Europa Express". Den gleichnamigen Zug, der früher durch Europa fuhr, gibt es schon lange nicht mehr. Diesem Album wird dieses Schicksal nicht drohen, es ist ein zeitloses Meisterwerk! Eine Reise mit dem TEE durch Europa ist das Thema dieses Konzeptalbums. Man sollte es hören, wie man Klassik hört, an diese Musik erinnert das Album übrigens sehr stark. Allerdings wird hier Klassik nicht mit Dirigent und großem Orchester, sondern kühlen, elektronischen Instrumenten gespielt. Gitarren sind bei Kraftwerk tabu. Auch Texte zum Mitsingen sucht man vergeblich. Kraftwerks Musik ist immer etwas kühl und distanziert, die Texte sind kurz und prägnant. Sie sind sehr technikverliebt. In jeder Hinsicht.„Trans Europa Express" fühlt sich zuerst etwas steril an. Musik, die man im CD-Player seines Mercedes hören kann, auf dem Weg zum Debatierclub. Oder bei einem Glas Rotwein, während man ein Physikbuch durchblättert. Musik für Snobs. Allerdings sehr gut gemacht! Hierzu paßt die Frage von Herbert Grönemeyer: „Wer wohnt schon in Düsseldorf?". Just kidding, you know I love you, Kraftwerk!






