Aus der Amazon.de-Redaktion
Jahrzehnte später fällt es ein wenig schwer einzuschätzen, welchen Schock Plastic Ono Band damals bei seiner Veröffentlichung auslöste. Ja, John Lennons erstes Soloalbum der Post-Beatles Phase ist immer noch ein Muß für jeden Rockfan. Aber Jahrzehnte von Punk, Metal und Grunge haben unsere Ohren doch zu sehr abgestumpft, um auf das Brüllen aus nackter Verzweiflung zu reagieren, das Tracks wie "Mother", "Isolation" und "I Found Out" ausfüllen. Darüber hinaus haben "I don't believe in Beatles", das existentielle Bestreben in "God" bei weitem nicht mehr die Resonanz wie zu der Zeit, als es zum Auseinanderbrechen der 'Fab Four' kam und eine solche Einstellung an Häresie grenzte. Und dennoch, es ist ein Beweis für die außerordentliche Qualität von Lennons Songs, daß Plastic Ono Band immer noch ein unglaublich bewegendes Hörerlebnis geblieben ist. --Dan EpsteinKundenrezensionen zu 'Lennon,John & Plastic Ono Band'
Fast ohne Yoko (28. Juni 2008)
Nach vier eher schwer verdaulichen und größtenteils nicht unbedingt "musikalischen" Alben sind auf "John Lennon Plastic Ono Band" 11 Songs zu hören, von denen die meisten wohl auf einem Beatles-Album gelandet wären, wenn diese sich nicht im Frühjahr 1970 aufgelöst hätten. Über das Album ist an anderen Stellen - in vielen Rezensionen und Büchern - schon viel geschrieben worden, eine neue, bislang noch nicht zu diesem Album ausgedrückte Meinung mag mir beim besten Willen nicht einfallen.Abgesehen von ihrer Anwesenheit bei den Aufnahmesessions im Sommer 1970 hat Yoko Ono nichts zu den 11 Songs beigetragen. Neben John Lennon sind lediglich noch Ringo Starr, Klaus Voormann und bei jeweils einem Song am Piano noch Billy Preston und Produzent Phil Spector zu hören. Auf seinen üblichen "Wall Of Sound" hat Phil Spector hier verzichtet, umso prägnanter fallen jedoch die eigentlich sparsam eingesetzten Instrumente aus. Lennons Stimme beherrscht bei den größtenteils live im Studio eingespielten Songs jedoch alles.
Die beiden Bonustracks "Power To The People" und "Do The Oz" passen eigentlich nicht so recht in den Albumkontext, wurden auch erst im Januar bzw. April 1971 aufgenommen. Und bei "Do The Oz" ist auch wieder das Gewimmer von Yoko Ono herauszuhören.
Das Album war und ist bis heute kein leicht zu hörendes, wurde schon damals kaum im Radio gespielt und war auch nicht so erfolgreich wie McCartneys erstes Soloalbum oder gar George Harrisons "All Things Must Pass". Dennoch gehört es für mich zu den besten Soloalben der Ex-Beatles, das ich mir im Gegensatz zu fast allen seit 1970 veröffentlichten McCartney-Alben noch heute gerne und regelmäßig anhöre.
Ende letzten Jahres wurden übrigens alle Lennon-Alben in Miniatur-Album-Sleeves wiederveröffentlicht, leider hierzulande nur als relativ teure Japan-Importe erhältlich.
Schwer verdauliche Nabelschau (26. Juni 2008)
Roger Waters hat einmal gesagt, auf einer Liste mit 50 Songs, die er selbst gerne geschrieben hätte, wären nur ganz wenige davon nicht von Bob Dylan oder John Lennon; und ich bin sicher, er hat sich dabei besonders auf Alben wie "John Lennon/Plastic Ono Band" bezogen. (Sein Magnum Opus "The Wall" mit Pink Floyd 9 Jahre später stellt ja ebenfalls die Reise in eine gequälte Seele dar, und beiden Alben fehlt jede Prise Humor oder Leichtigkeit. So wie fast alle Floyd-Alben der Siebziger am Ende klanglich bzw. thematisch an ihren Anfang anknüpften, fällt auf, dass auch dieses Album eingangs und ausgangs das Thema "Mutter" behandelt.)John Lennon hat dieses Album als sein "Sgt. Lennon" bezeichnet. Es war sein erstes Soloalbum nach der Trennung der Beatles, er hatte sich einer Urschrei-Therapie bei Arthur Janov unterzogen und verarbeitete die dort gewonnenen Erkenntnisse und frei gelegten Gefühle mit diesem Album. Das Album ist gekennzeichnet durch äußerst spartanische Arrangements, einfach und klar gehaltene Texte und Lennons Bereitschaft, mit seiner Stimme ungezügelter umzugehen (Stichwort Urschrei), was seinen Anfang allerdings bereits auf Cold Turkey im Vorjahr genommen hatte. Neben John (Gitarre, Piano) spielt Ringo Schlagzeug, Klaus Voormann Bass und Billy Preston auf God und Phil Spector auf Love Piano. (Phil Spector wird als Koproduzent genannt, was sich aber überhaupt nicht heraushören lässt.)
Schon anhand der Songtitel lässt sich ablesen, dass Lennon hier große Themen angeht: Mutter, Liebe, Gott, Isolation, Tod...
Dieses Album wird immer geschätzt für die schonungslose Offenheit seiner Texte, für den unverstellten Einblick in eine nackte Seele. Das mag schon sein; ich muss aber sagen, nur weil mich jemand in sein Tagebuch schauen läßt, bedeutet das noch lange nicht, dass mir auch alles gefällt, was ich da zu lesen bekomme. Angesichts dieser viel zitierten Offenheit wird oft übersehen, dass etliche Texte starke Schwächen haben (was meiner Meinung nach einige von Lennons Soloalben betrifft).
Lennons beste Songs, vor allem bei den Beatles, hat immer ausgezeichnet, dass sie sowohl persönliche als auch universelle Deutungen ermöglichten. Dies trifft hier nur auf einige Titel zu. Mother ist in seiner schmerzerfüllten Klarheit und Direktheit einfach universell; eins der wenigen Lieder überhaupt, mit denen in den wenigen Textzeilen alles gesagt ist, was zu sagen ist. Unglaublich, was Lennon allein stimmlich an lange vergrabenem Schmerz transportiert. Im beeindruckenden Kontrast dazu der letzte Teil des Songzyklus, My Mummy's dead (wahrscheinlich ein Cassetten-Demo, schlichter geht's nicht): zur Kinderliedmelodie Three blind Mice singt Lennon vom frühen Verlust seiner Mutter durch einen Verkehrsunfall, scheinbar unbeteiligt, doch genau darin liegt dieses Mal die Wucht.
Wunderschön in seiner Schlichtheit und Melodieführung ist Look at me (stilistisch mit Julia ('68) und Oh my Love ('71) verwandt und wohl auch ebenfalls noch zu Beatles-Zeiten entstanden). Auch Love überzeugt in seiner Einfachheit mit schöner Melodie.
Isolation mag ich auch, hätte gut auf's "Weiße Album" gepasst; Zeilen allerdings wie "just a boy and a little girl / tryin' to change the whole wide world" (origineller Reim!) sind mir dann doch zu trivial - redet er da von sich und Yoko? - Klar, von wem sonst!
God, wie schon Happiness is a warm Gun aus drei Teilen zusammengesetzt, überzeugt ebenfalls durch seine Aufzählung von Mythen, von denen Lennon sich verabschiedet, religiöse, politische, popkulturelle... einschließlich der Beatles. Bis hierher wunderbar. Und dann die eine Zeile, die mich stört: "I just believe in me / Yoko and me". Das ist ja schön und gut - aber wen interessiert's? Wie Lennon (ca. ' 71) im "Imagine"-Film erklärt: "Meine Lieder sind wie Tagebücher, ich schreibe über mich und mein Leben, bestenfalls noch über Yoko, ich habe gut gesch... heute morgen (!), und wenn das für andere Leute relevant ist, schön..." Die Frage ist nur, ob Lennon Platten wie diese überhaupt erst bei einer Plattenfirma hätte unterbringen können, wenn er nicht zehn Jahre lang bei den Beatles gespielt hätte, von denen er sich hier so mühsam lossagen will.
Richtig schlimm wird's dann bei Working Class Hero: Super-Text, brilliante Sozialkritik, und das F-Wort wirkt hier unerlässlich und keineswegs aufgesetzt. Und dann ein Refrain, der alles kaputt macht: "Ein Held der Arbeiterklasse müsste man sein / wenn du ein Held sein willst, dann folge mir einfach". (Sollte dies auch nur ansatzweise ironisch gemeint sein, dann ist mir das entgangen; aber im Kontext dieses Albums ist das ja wie erwähnt höchst unwahrscheinlich.) Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Arbeiterklasse, weder damals noch heute, darauf wartet, von John Lennon, Popstar, Multimillionär und selbst ernanntem Held der Arbeiterklasse, angeführt zu werden. (Sie würde vielleicht höchstens mal liebend gerne mit seinen Problemen tauschen!- Paul McCartney bestätigt in "When I'm sixty four", dass anlässlich dieser Zeilen seinerzeit doch einige Augenbrauen in die Höhe gingen; umso mehr, als John Lennon als einziger der vier Beatles eben KEIN Kind der Arbeiterklasse war, sondern bei Tante Mimi in der Mittelschicht aufwuchs. Dass Paul McCartney selbst mit der Thematik offenbar auch so seine Schwierigkeiten hatte, beweist sein Zitat aus den Neunzigern: "Ich gehöre auch zur Arbeiterklasse. Ich arbeite mir den A... ab!" (Hoffentlich hat wenigstens er es ironisch gemeint.) Beide haben offenbar nicht begriffen, dass man spätestens ab der ersten Million einfach nicht mehr dazu gehört, unabhängig vom - selbst auferlegten! - Arbeitspensum.) Sowas kann man doch nicht ernsthaft von sich geben und noch damit davonkommen!
Well well well ist musikalisch sehr schwerfällig und einfach zu lang. Hold on John, seine persönliche Durchhalteparole, und I found out berühren mich inhaltlich auch nicht weiter, dafür sind sie einfach zu speziell. Und bei Lennons Soloplatten stört mich ab hier zunehmend diese Prediger-Haltung: ich hab jetzt die allgemeingültige Wahrheit gefunden! Nicht alles, was aus dem Moment heraus entsteht, hat deswegen dauerhaften Wert.
Fazit: John Lennon nimmt sich hier zu großen Teilen viel zu wichtig, und wer hört so jemandem schon gerne zu. 4 Jahre später, auf "Walls and Bridges", hatte Lennon sich wieder gefangen, seine Lieder sind auch dort ergreifend und persönlich, aber es ist das Fehlen des hier konstatierten Selbstmitleids, das mir "Walls and Bridges" viel zugänglicher macht.
Der 2000er Remix hat die Klangintegrität des Albums respektvoll gewahrt, das Booklet mit handschriftlichen Texten und seltenen Fotos ist eine schöne Erweiterung, und mit der Single Power to the People und Do the Oz (Rarität!) sind zwei Bonustracks angefügt.
P.S. 1982 wurde anlässlich der "John Lennon Collection" ein seltener, sehr interessanter Alternativ-Mix von Love auf Single veröffentlicht, der nicht, wie auf diesem Album, zweimal eingeblendet wird.






