Aus der Amazon.de-Redaktion
Einem uralten, bis heute viel geliebten Instrument haben sich Accordion Tribe verschrieben, und zwar mit einhundertprozentiger Exklusivität (abgesehen von ganz wenigen Gesangsteilen). Mit Sea Of Reeds ist ihnen dabei ein Album gelungen, das durchaus auch Folkloristisches besitzt, aber nicht die geringste Betulichkeit. Spirituelle Momente, leicht holzschuhhafte Tanzmusik, gewagte Harmoniefolgen, Swing, Beinah-Polka, ein ganz eigenartiger Walzer, folkloristische Crossover-Manöver aus Irish-Folk, slawischen Tonalitäten, Swing und zeitgenössischer US-Komposition, hochauflösende Blödeleien ("Tangocide") und Soundtrack-Atmosphäre werden mit derart hohem spieltechnischem Standard inszeniert, dessen scheinbar müheloser Fluss analytisches Denken an Virtuosiät und dergleichen kaum mal aufkommen lässt.Die klangliche Fülle ergibt sich aus der Unerschöpflichkeit des Instruments, die stilistische Vielfalt und Freiheit aus den unterschiedlichen Herkünften und Biografien der Spieler. Guy Klucevsek (USA), nicht nur in Weltmusikkreisen, sondern auch im avantgardistischen Jazz ein Begriff, spielte mit John Zorn, Bill Frisell, Anthony Braxton und dem Kronos Quartet. Er gründete den fünfköpfigen Akkordeon-Stamm in den späten 90ern ursprünglich als befristetes Projekt mit Lars Hollmer (Schweden), Otto Lechner (Österreich), Bratko Bibic (Slowenien) und der Finnin Maria Kalaniemi. Akkordeonspielerin seit ihrem achten Lebensjahr, studierte die Multi-Instrumentalistin (u.a. Mandoline und Geige) neben traditioneller Musik auch Musiktheorie und Improvisation. Sie gilt vor allem im eigenen Land als Schlüsselfigur bei der Bewahrung finnischer Folk-Traditionen und hat mit anderen Besten wie dem Helsinki Melodeon Ladies Quintet und der Ethno-Jazz-Fusionband (!) Zeta Bob gearbeitet. --Rolf Jäger
Kundenrezensionen zu 'Sea of Reeds'
Harmonische Kakophonie (12. November 2002)
Die Klänge der Akkordeon-Band 'The Accordion Tribe' waren nicht von Beginn an eine Ohrenfreude für mich.Zunächst impliziert das Akkordeon für mich etwas Altmodisches und Volkstümliches. Es wird ja auch Schifferklavier genannt, wobei man sofort an Freddie Quinn denken muss; oder man nennt es auch die Quetschkommode, als handele es sich um ein sperriges Möbelstück, das man beliebig quetschen könne und daraus ergäben sich irgendwelche Töne. Für meine Generation der E-Gitarrenhörer, gehörte dieses Instrument, bislang zumindest, zu einem anderen Stern. Und ehrlich gesagt, können sich die weinend lang gezogenen Töne nicht gut messen mit dem klaren Klang eines Seiten- oder Blasinstruments.
Dass mich die Klänge des Akkordeons schließlich doch mehr in ihren Bann ziehen konnten als vieles andere, liegt sicherlich an der perfekten und sehr eigenwilligen Spielweise der Gruppe 'The Accordion Tribe'. Ein Freund erzählte mir begeistert von dieser Gruppe und besorgte Karten für ein Konzert. Neugierig, aber auch skeptisch begab ich mich dorthin und die anfänglichen Klänge bei diesem Konzert verwirrten mich schließlich. Erwartet hatte ich schlimmstenfalls eine Polka, zu der die Zuhörer mit den Füßen stampften. Doch die sechs Bandmitglieder quälten das Ohr mit Missklängen und blickten dabei verbissen vor sich hin. Erst allmählich lösten die schrägen Töne sich auf und die einzelnen Instrumente verbanden sich zu einem einzigen Klang.
Im weiteren Verlauf bekam ich einen Großteil der Stücke zu hören, die auch auf der CD 'Sea of Reeds' zu hören sind. Die meist lyrischen Titel sind ebenso mit Elementen des Jazz, der Popmusik und moderner klassischer Musik verbunden. Immer wieder driften die sechs Instrumente auseinander, um sich in vereintem Rhythmus und Klang wieder zu finden. Eine ungeheure Energie strahlt das gekonnte und doch ungewöhnliche Zusammenspiel aus. Man glaubt das 'Gras' förmlich wachsen zu hören und 'Spinning Jennie', die nach dem Kindermädchen von Guy Klusevsek benannt ist, scheint mit Hingabe an einem Spinnrad zu sitzen und mit Langmut die Fäden zu ziehen.
Es fällt mir schwer die Stimmung dieser Musik zu beschreiben. Mal ist sie fröhlich, dann wird sie traurig und seelenschwer, um darauf in schräge und schmerzende Missklänge überzugehen. Manchmal möchte man dazu tanzen, aber gleich fühlt man sich dieser Anwandlung verlacht - ja, beinahe höhnisch hämmern die Töne gegen das Ohr. Alle Facetten des Lebens scheinen hinter diesen Klängen verborgen zu sein: Brutalität wird von Sarkasmus abgelöst, Fröhlichkeit von Wehmut, Unruhe von Ruhe. Man darf sich nicht einrichten bei dieser Musik, sondern man muss offen bleiben für das, was kommt - und das ist überraschend, in seiner Vielfalt wunderschön.






