Kundenrezensionen zu 'The Balkan Club Night'
Balkan Club Night - Ein DJ-Tool (25. April 2008)
Balkan Club Night - PressetextWer 1995 behauptet hätte, dass demnächst Zigeunermusik vom Balkan als weltweiter Trend angesagt sein wird, der konnte sicher sein, dass jeder über seinen tollen Witz ganz laut lacht.
Natürlich existierten schon damals in Rumänien diese gottverlassenen Dörfer, in denen es mehr Blaskapellen als Autos gab. Natürlich spielten schon damals jedes Jahr Dutzende von Blaskapellen in dem winzigen serbischen Ort Guca, um die Goldene Trompete. Nur interessierte das wirklich niemanden. Blasmusik war die Musik der Ewiggestrigen und in Deutschland dazu auch noch die Musik der altmodischen Heimatvertriebenen.
Ein Dutzend Jahre später ist Balkanmusik das tolle, neue Ding, die Musik auf die sich alle einigen können. Dieser extreme Imagewandel ist nicht vom Himmel gefallen.
Blasmusik vom Balkan war in der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts extrem unpopulär, zu mindestens außerhalb des Balkans. Die Berichterstattung über die Greueltaten während des Balkankrieges haben den Widerwillen gegen Musik aus der Region nur noch verstärkt. Kein Mensch mochte Blasmusik und erst recht keine Blasmusik aus Serbien. Und Musik von Zigeunern wollte ohnehin niemand hören. In den 90.er Jahren war Techno-Musik wesentlich spannender. Da fuhren die Leute zu Tausenden zur Loveparade, aber bestimmt nicht zu einem Blasmusik-Festival im serbischen Nirgendwo.
Diesen Stimmungswandel haben letzten Endes zwei Personen entscheidend beeinflusst: der Regisseur Emir Kusturica unter anderem mit seinen Filmen Underground und Black Cat, White Cat, sowie der Musiker Stefan Hantel, der die Idee hatte rumänische Blasmusik mit Clubsounds zu unterlegen.
Natürlich haben noch viele andere Leute daran mitgewirkt, aber Emir Kusturica und Stefan Hantel stehen für zwei langfristig wichtige Entwicklungsschritte von Balkanmusik.
In seinen Filmen hat Kusturica nicht nur mit markanten Darstellern aus der Roma- & Sinti-Minorität Mazedoniens gearbeitet, sondern auch Zigeuner-Blaskapellen ständig im Hintergrund auftreten lassen. Die Filmmusik hat sein damaliger Partner Goran Bregovic komponiert, heute ein anerkannter Superstar der Weltmusik und dazu eine exzentrische Balkan-Diva, die jedem Veranstalter den nackten Angstschweiß auf die Stirn treibt. In diesen Tragi-Komödien wurden Zigeuner zu Identifikationsfiguren und Blasmusik liebevoll und mit viel Witz insziniert. Das Kocani Orkestar und das Boban Markovic Orkestar wurden so erstmalig von einem internationalen Publikum wahrgenommen. In der Folge tauchten in den nächsten Jahren dann auf europäischen Konzertbühnen verstärkt Kapellen aus Rumänien auf, deren Mitglieder vermutlich noch nie eine größere Stadt gesehen hatten. Da standen Männer auf der Bühne, die man offensichtlich kurz zuvor in der Spendenkammer des Roten Kreuz eingekleidet hatte und bei deren Anblick jeder unwillkürlich sofort überprüfte, ob seine Brieftasche noch vorhanden war. Aber die überschäumende Energie, die von diesen Musikern mit ihren Trompeten ausging, überwand jedes Vorurteil. Um 2000 hatte sich herum gesprochen, daß diese Konzerte mit Blaskapellen vom Balkan ein unglaubliches Erlebnis sind. Fanfare Ciocarlia und Taraf De Haiduks kamen so zu ihren ersten gefeierten Konzerten in Tokyo und New York. Die Weltmusik hatte ein etabliertes Genre mehr in seinen Reihen, plötzlich gab es Dutzende von Blaskapellen aus der Balkanregion, die auf Tour gingen und CDs im neuen Genre Balkan Brass veröffentlichten.
Zur gleichen Zeit, um die Jahrtausendwende, steckte die elektronische Clubmusik in einem kreativen Tief. Techno hatte sich totgelaufen, Drum & Bass war nicht die Lösung und die Wiederentdeckung von House ließ noch auf sich warten. Der Frankfurter DJ Stefan Hantel experimentierte damals, so wie viele Kollegen aus dem ehemaligen Technolager mit Downbeat und Lounge-Elementen. Unter dem Künstlernamen Shantel veröffentlichte er mehrere Lounge-Produktionen, die durchaus Beachtung fanden und ihn als Musiker etablierten. Viele bekannte Clubmusik-Produzenten betrachteten um die Jahrtausendwende, Weltmusik als eine Art neues Ersatzteillager für ihre jeweiligen Veröffentlichungen. So entstanden, im Nachhinein betrachtet, Afro-House, Brasilectro, Latin Drum n Bass usw.
Bei einem Besuch in der Heimat seiner Großeltern entdeckte Stefan Hantel die Blasmusik Rumäniens, bzw. der Ukraine für sich. Die Veröffentlichung der Bucovina Club- CD war ein Meilenstein für die Musik vom Balkan. Die Verknüpfung von Blasmusik, Klezmer-Elementen mit Grooves aus dem Bereich der Clubmusik hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Insbesondere die Werbeindustrie erkannte das Potential dieser neuen Stilart, die als Balkan Beats bezeichnet wird. In zahllosen Werbeclips wurden seitdem Balkan Beats-Elemente eingesetzt und dadurch von Millionen Menschen als Zeitgeist-Musik wahrgenommen.
Seit 2005 gibt es einen regelrechten Boom um die Stilart Balkan Beats, immer mehr traditionelle Blaskapellen vom Balkan kooperieren mit jungen Remixern, die ihre Balkan-Brass-Hits in radiotaugliche Pop-Produktionen umstricken. Interessanterweise haben die großen Plattenfirmen den gesamten Balkan-Trend komplett verschlafen, alle wichtigen Bands sind bei kleinen Independentfirmen unter Vertrag und so sind schnelle und spontane Arbeitsweisen möglich.
Auf dem Doppel-Sampler Balkan Club Night werden sowohl die Balkan Brass-Klassiker als auch die modernen Balkan Beats-Produktionen vorgestellt. Auf der Primetime-Seite finden wir fast ausschließlich uptempo-Titel ab 130 BPM, die konsequent Druck auf der Tanzfläche erzeugen. Zu den Klassikern gehören Hits, wie Kibori von Mahala Rai Banda, Carolina von Taraf De Haidouks oder Rindzi vom Boban Markovic Orkestar. Die jungen Neuerer werden vertreten von Buscemi mit Sahib Balkan, !DelaDap mit Goldregen, N.O.H.A. mit Balkan Hot Step oder Magnifico mit Evo Me Narode. Für Herzkranke ist diese CD-Seite nur sehr bedingt zu empfehlen.
Die Afterhours -Seite des Doppelsamplers beinhaltet wenigstens ein paar Titel, bei denen man wieder zu Luft kommt. Auch hier findet man eine gewisse Zahl von Balkan Brass-Klassikern, wie Mr. Lobaloba von Fanfare Ciocarlia, Djeli Mara von Saban Bajramovic, Siki, Siki, Baba vom Kocani Orkestar oder Rumba Lu Georgel von Fanfare Savale. Aber mehrheitlich ist der gesamte Sampler der Sparte Balkan Beats zuzurechnen. Vergleichsweise entspannte Töne kommen von Little Cow aus Budapest, der Amsterdam Klezmer Band aus den Niederlanden, Zeb aus New York, Watcha Clan aus Marseille, Binder & Krieglstein aus Wien und Amir Arab aus Berlin. Man sieht, Balkan Brass kommt zu grossen Teilen noch direkt aus Serbien, Mazedonien und Rumänien, aber Balkan Beats ist bereits ein weltweites Phänomen. Und ein frühes Ende dieses Trends ist bisher (2008) nicht abzusehen, vielmehr ist anzunehmen, dass die Veröffentlichungsrate in diesem Genre rasch ansteigt. Als Trendsetter für die nächste Evolutionsstufe von Balkanmusik kann übrigens Ian Oliver in England betrachtet werden. Seine Versionen von Bucovina und Vino Vino sorgen dafür, dass Balkan-Sounds jetzt in Szene-Clubs Einzug halten, in denen sowas wie Blasmusik noch nie zu hören war.
Aber wenn man als DJ den Doppel-Sampler Balkan Club Night besitzt und dazu noch irgendwo die größten Hits von Shantel, bzw. Goran Bregovic liegen hat, dann kann man problemlos eine dreistündige Balkan-Party starten. Denn auf dem Balkan Club Night-Sampler sind bereits 41 der größten Hits, die diese Stilart zu bieten hat, auf einen Schlag versammelt. Fehlt jetzt nur noch eine große Flasche Šljivovic.
Bremen 04.04.2008






